
Seit Jahren wird in den Medien eine Spukgeschichte erzählt: Die von der Abwanderung von deutschen ÄrztInnen ins Ausland. Und in Umfragen sagen Mediziner immer wieder, sie wollten ins Ausland gehen, wegen der schlechten Arbeitsbedingungen in Deutschland.
So brachte die Welt am 14. Februar eine Meldung über die Mediziner, die nicht mehr Landarzt werden wollen. „Die aktuelle Studie wirft ein Schlaglicht auf zwei große Probleme in der Gesundheitsversorgung: Dem Ärztemangel auf dem Land und die zunehmende Abwanderung von Medizinern ins Ausland.
Prompt reagierten die anderen Medien und berichten darüber.„Von den Ärzten, die eine berufliche Änderung planen, zieht es ein Drittel ins Ausland“ meldet das Ärzteblatt. (Siehe auch Bibliomed.de)
Die Meldungen beziehen sich auf die neueste Studie von TNS Infratest im Auftrag der Commerzbank. In der Pressemeldung dazu hebt die Commerzbank hervor:
„Ein Viertel der Ärzte strebt 2011 berufliche Veränderung an“.
„Ein Drittel der Wechselwilligen zieht es als Arzt ins Ausland“.
In Zahlen* ausgedrückt hieße das:
25.000 deutsche Ärzte planen die Abwanderung ins Ausland.
Im Jahr 2009 gab es in Deutschland 300.000 ärztlich tätige Mediziner.
Ein Viertel der Ärzte will berufliche Veränderung = 75.000
Ein Drittel der Wechselwilligen ins Ausland= 25.000!
*Der Rechnung legen wir gerundete Zahlen der Bundesärztekammer von 2009 zugrunde.
Wie steht es denn nun wirklich um die Mobilität von Ärzten?
Seit über zehn Jahren bin ich im Recruiting tätig mit einem Schwerpunkt im Headhunting. Dabei war ich in verschiedenen Branchen tätig und habe mehrere Berufsgruppen kennengelernt. Wir sprechen hier überwiegend von Positionen im mittleren Management oder Spezialistenfunktionen ab einem Jahresgehalt von mindestens 60.000 €. Nun zeigt meine Erfahrung, dass die Berufsgruppe der Ärzte am wenigstens mobil ist, d.h. nur sehr wenige sind umzugsbereit für den Beruf.
In anderen Berufsgruppen, z.B. im Controlling, im IT- Management oder im Vertrieb sind deutlich mehr Kandidaten mit einem Wohnortwechsel einverstanden – auch mit der gesamten Familie. Selbstverständlich gibt es Lebensphasen, in denen Menschen eher mobil sind, etwa beim Berufsstart, wenn die Kinder im Vorschulalter sind oder der Nachwuchs flügge geworden ist. Nun könnte ich zufällig an wenig mobile Mediziner geraten sein, aber Personalberater-Kollegen bestätigen mir das. Diese Eindrücke sind belegt durch Studien und zeigen sich auch in den Berufsverläufen von Medizinern.

Seit 2005 erhebt die Bundesärztekammer Zahlen zur Abwanderung von Ärzten ins Ausland. Die letzten auf der Website veröffentlichten Zahlen sind aus dem Jahr 2009:
2009 waren insgesamt 2.486 in Deutschland ursprünglich tätige Ärztinnen und Ärzte ins Ausland abgewandert. Unter diesen abwandernden Ärzten waren sogar ein Drittel ausländische Ärzte. Das beachten wir nun nicht, wissen wir doch nicht, ob diese in Deutschland studiert hatten oder zur Facharztausbildung kamen.
Kognitive Dissonanz – die Spukgeschichte von der Abwanderung der deutschen Mediziner ins Ausland
In 2009 waren in Deutschland 325.945* Ärztinnen und Ärzte ärztlich tätig. Dazu kommen noch 103.981 nicht ärztlich tätige Mediziner. Es gehen also viel mehr Mediziner in andere Branchen als ins Ausland.
Rechnet man den Prozentsatz aller von Deutschland ins Ausland abgewanderten Mediziner, also 2.486 von 325.945 ÄrztInnen, dann sind das unter ein Prozent. Selbst wenn sich die Anzahl bis heute verdoppelt oder verdreifacht hätte, lägen wir bei nur zwei bis drei Prozent. Die Schwankungen waren in den erhobenen Zeiträumen gering (2008 gingen 3.065, in 2007 gingen 2.439 ÄrztInnen ins Ausland)
Über 50 Prozent der AssistenzärtzInnen geben an, wegen einer attraktiven Stelle ins Ausland gehen zu wollen. So die Ergebnisse einer Studie der FH Münster zum Jobwahlverhalten von jungen Medizinern.
Wie kommen solche Aussagen zustande, wenn die Wirklichkeit eine andere ist? 
“Die Differenz zwischen tatsächlich ins Ausland abwandernden ÄrztInnen und den Aussagen über eine geplante Abwanderung, liegt nicht an falschem Zahlenwerk oder ungenauen Umfragen. In der Marktforschung und im Marketing wird diese Differenz zwischen Einstellung und Handeln als „kognitive Dissonanz“ bezeichnet“, so Dr. Kerstin Ullrich von der Gesellschaft für Innovative Marktforschung mbH.
Wir alle wissen, die Arbeitsbedingungen in der medizinischen Versorgung können weder für Ärzte noch für Pflegekräfte als rosig bezeichnet werden.
Dennoch sind die allermeisten Ärzte engagiert in ihrem Beruf und der ihnen in den Medien nachgesagte Ruf, alles stehen und liegen zu lassen und ins Ausland abzuwandern, trifft nicht. Sollten inzwischen neue konkrete Zahlen vorliegen, die einen anderen Schluss zulassen, bitte ich um einen Hinweis.
Studien über den Beruf „Mediziner“
Fotos: sxh.hu Sergio Roberto Bichara/ Jane Cleary /Hilde Vanstraele